artist statement
Mein künstlerisches Interesse gilt der Verletztheit sowie der Vergänglichkeit von Mensch, Tier und Natur.
Neben in situ-Installationen in sensiblen Naturräumen, wie ich sie seit 2020 mache, entstehen seit 2025 Collagen, in denen ich Elemente von Tier und Natur so miteinander kombiniere, dass die entstehende `neue Welt´ bei näherer Betrachtung auf den `unnatürlichen´ Wandel hinweist. Die Vögel in `strange times´ befinden sich in für sie unpassenden Lebensräumen.
Vögel, Schmetterlinge, Blumen, Bienen…sie alle spielen eine grundlegende Rolle für das Funktionieren von Ökosystemen und für das Überleben vieler lebender Organismen, einschließlich des Menschen. Die Uhr tickt….
Die toten Tiere, die mir auf meinen Streifzügen durch die Natur begegnen, fotografiere ich, integriere sie in Stillleben oder erstelle Scannogramme. Meine Porträts von ihnen haben das Ziel, die Würde zu zeigen, die über den Tod hinaus sichtbar ist.Mein künstlerisches Interesse gilt dem Menschen und seiner Umwelt, bzw. dem Menschen in seiner Umwelt – und dabei insbesondere Transformation und Vergänglichkeit.
Ich bin fotografisch unterwegs und auch installativ. Die Ergebnisse meiner Installationen und in-situ-Arbeiten halte ich in Fotografien fest.
Seit 2024 erweitere ich mein Arbeiten auch um Objekte.
Besonders (Schicksals-)Orte und Landschaftsräume, mit denen ich Verletzung(en) verbinde, fordern mich heraus, in ihnen zu installieren oder performativ einzugreifen.
Zu meinen Schwerpunkten gehörte dabei z.B. die Arbeit in ehemaligen Räumen einer forensischen Klinik sowie in einem stillgelegten Schlachthof und weiteren Kliniken..
Bei den geschlossenen Räumen, in denen ich bisher gearbeitet habe, handelte es sich oft um verlassene und entfunktionalisierte Orte. In den Zeiten ihrer Nutzung ging es in den meisten von ihnen um Ausnahmesituationen und Verletzungen menschlichen und tierischen Lebens (Forensik, Klinik, Schlachthof, Kapelle). Es sind Orte, die nach eigenen Regeln und Gesetzmäßigkeiten funktionierten und in denen auch aktuell ‚Sondersituationen’ herrschen. Die ‚Toten’- Stille in verlassenen Räumen bedeutet für mich Verdichtung. Indem ich Gegenstände in diesen Räumen installiere, eigne ich mir sie für den Moment des Arbeitens an. Ich arbeite bewusst in Stille.
In den Fällen, in denen es um Verletzungen ging, die in den Räumen stattgefunden hatten und in vergleichbaren Räumen heute leider noch stattfinden, ist mein Ziel die Transformation in eine symbolische Versöhnung. Die schwere Vergangenheit soll eine metaphorische Wiedergutmachung erfahren. Die physische Ausübung meiner `Eingriffe´ hat für mich eine rituelle Komponente.
Meine in situ-Arbeiten in der Natur nahmen ihren Anfang in einer niederländischen Wattlandschaft. Das Naturschutzgebiet verstärkte meine Sensibilität Klimafragen gegenüber. Die `Guardians of nature´ sind `Hüter der Natur´, die zunächst nur an exponierten Stellen in der Landschaft positioniert waren und mit dem sie umgebenden (Natur)Raum interagieren. Die Installationen sind bisher auf einer friesischen Insel, am Niederrhein, in einem Seengebiet in Finnland sowie auch an unterschiedlichen Orten Japans, Neuseelands, Italiens, der Schweiz und Frankreichs entstanden. Die `Hüter´ haben verschiedene Ausprägungen: Mal verbinden sie sich als `Geist´ mit einem Naturphänomen. Mal ermöglichen sie Assoziationen zu Emotionen wie Furcht, Sorge, Hoffnung etc. oder aber sie verrichten als `Gottheit´ eine rituelle Handlung wie z.B. das Segnen eines fruchtbaren Ackerlandes. Sie tauchen als `Geist´ auf oder als `Beobachter´. Die Serie ist ongoing. Sie hat mittlerweile eine Erweiterung auf gesellschaftlich-kulturelle Bereiche erfahren.
Wandel und Vergänglichkeit sind auch die Themen hinter meinen Stillleben. Ich isoliere die Gegenstände aus ihrer üblichen Umgebung und kombiniere sie in neuen, unvertrauten Arrangements.
Vergänglichkeit macht demütig. Gegenstände vergangener Zeiten tragen Spuren des eigenen Lebens oder des Lebens Unbekannter und verweisen über sich hinaus. Sie können Träger von Assoziationen und Stimmungen sein, die sowohl auf die Gegenwart als auch auf die Vergangenheit gleichzeitig anspielen.
(Nicht erst) Seit 2024 wird mir immer bewusster, dass die gesellschaftliche Situation der Frauen, sprich: die Benachteiligung der Frauen, in meinem Denken und Schaffen eine größer werdende Rolle spielt. Ich arbeite seitdem an der Installation `In a life of a woman´. Diese Installation wird am Ende aus mehreren Stationen bestehen, in denen ich indirekt Kritik übe am Umgang mit dem weiblichen Geschlecht, dahingehend dass es von der Glorifizierung´ in jungen Jahren letzten Endes unter gewissen Bedingungen zum Feminizid kommen kann. Ende 2025 habe ich angefangen aus den Liebesbriefen meiner Mutter einen Schutzmantel zu erstellen. Auch andere Gegenstände meiner und meiner Mutter Vergangenheit finden in den Objekten ihren Raum. Zu den Werkstücken werden auch Interviews mit Frauen aus anderen Ländern gehören, die über ihre Erfahrungen mit Gewalt gegen Frauen in ihrer Heimat berichten.
jutta biesemann, april 2026